Neues Gebäude - Altes Problem

Seit nun fast zwei Jahren ist das JungChemikerForum (JCF) in Leipzig aktiv und hat sich mit regelmäßigen Veranstaltungen als „feste Größe“ an der Fakultät etabliert. Dieser Bericht gibt einen Überblick über die Veranstaltungen der Jungchemiker*innen und die dabei gesammelten Erfahrungen im Sommersemester 1999 und Wintersemester 1999/2000. Im Sommersemester 1999 bildete der Themenkomplex „Berufseinstieg“ den Schwerpunkt der Projekte des JCFs. Herr Dr. Sager vom Verband angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie e. V. (VAA) stellte die Aufgaben und Tätigkeiten des Verbandes vor, der eine wichtige Interessenvertretung für Chemiker*innen in der Industrie ist. Außerdem konnte er Interessantes zu Einstellungskriterien und -gesprächen aus Sicht der chemischen Industrie berichten - leider vor nur wenigen Zuhörer*innen.
 
Dass ein Chemiker nicht nur den „klassischen“ Weg in die Industrie gehen kann, zeigt die Karriere von Herrn Dr. Grüncke, der als Wirtschaftsprüfer bei KPMG eine abwechslungsreiche Herausforderung gefunden hat und mit den JungChemiker*innen in Leipzig über seinen Berufsstart und seine jetzige Tätigkeit diskuiterte. Als Vorbereitung für einen möglichst reibungslosen Berufseinstieg und zur Förderung der so oft zitierten "Soft Skills" dienten die beiden Seminare „Berufseinstieg“ und „Rhetorik“ in Zusammenarbeit mit dem Finanzdienstleister MLP. In seinem Vortrag „Studying in the US“ konnte Herr Dr. Papp (Universität Leipzig) seine Erfahrungen aus dem Auslandsaufenthalt in den USA an interssierte Student*innen weitergeben.
 
Auch eine Exkursion durfte im Programm des JCF natürlich nicht fehlen: Mit dem Bus ging es in das nahe Bitterfeld zur Niederlassung der Bayer AG. Dort wurde die Aspirin-Produktion besichtigt, die sicherlich zu den modernsten weitgehend automatisierten Anlagen dieser Art gehört. Als Kontrast dazu klang der Tag bei einem Rundgang durch das ORWO Filmmuseum in Wolfen aus, das die Geschichte der Filmproduktion in der DDR aufgearbeitet hat und einen Einblick in die reichlich veralteten Produktionsanlagen für Kleinbildfilme gab. In den Semesterferien nahmen zwei Mitglieder des Sprecherteams am 2. Jungchemikerkongress in Berlin teil und konnten so im Austausch mit SprecherInnen der anderen Regionalgruppen neue Anregungen für die Arbeit in Leipzig gewinnen.
 
Im Wintersemester 1999/2000 gab es viele Veränderungen für das JungChemikerForum in Leipzig. Neben einem neuen Sprecher-Team, einem neuen Flyer als Eigenwerbung an der Fakultät und der neuen Homepage erfolgte die Verlegung der Hauptaktivitäten der JungChemiker*innen in das neue Chemiegebäude der Fakultät. Die erste Veranstaltung im neuen Umfeld war eines der regelmäßig stattfindenden Monatstreffen. In diesem Rahmen zeigte Herr Dr. Bär (Universität Leipzig) mit seinem Bericht „Vom Thermodynamiker zum Biochemiker“, dass sich Chemiker*innen in ihrem Berufsleben durchaus völlig verschiedenen Aufgabenstellungen anpassen können und müssen.
 
Neben den mittlerweile schon fast zur festen Einrichtung gewordenen Seminaren zu Bewerbungs- und Präsentationstechniken konnte das JCF den Teilnehmer*innen der Veranstaltungen wieder Informationen aus der chemischen Industrie „aus erster Hand“ liefern: Herr Dr. Bürstinghaus von der BASF AG bejahte die provokante Frage, ob die BASF in Deutschland noch Chemiker*innen brauche. Er berichtete u. a. über den Berufseinstieg und die Entwicklungsmöglichkeiten eines Chemikers bzw. einer Chemikerin bei der BASF. In einer kurzen Unternehmenspräsentation erfuhren die Zuhörer*innen viele interessante Fakten und Trends aus dem Konzern und konnten sich ein Bild von der Unternehmensphilosophie machen. Speziell auf die Situation der chemischen Industrie im Gebiet der ehemaligen DDR ging Herr Blümel vom Verband der Chemischen Industrie e. V. (VCI) nach einer kurzen Vorstellung des wirtschaftspolitischen Verbandes ein. Er schilderte die Entwicklung der chemischen Industrie von deren dramatischem Zusammenbruch nach der „Wende“ und dem Einbruch des Absatzmarktes in Osteuropa bis zum heutigen Tag. Auch die Benachteiligungen der Chemieindustrie im Osten der Republik wurden ebenso wie deren Chancen als Vorreiter für neue Strukturen in der chemischen Industrie diskutiert.
 
Im kommenden Semester (Sommersemester 2000) will das JungChemikerForum in Leipzig neben einer Exkursion u. a. Veranstaltungen zu den Themen „Existenzgründung“ und „Selbständigkeit“ anbieten. Wir sind zuversichtlich, dass wir durch bessere Werbung für die Veranstaltungen, gute Terminplanung und näheren Kontakt zu den Student*innen das gelegentlich auftretende „alte Problem“ der geringen Teilnehmerzahlen im neuen Gebäude der Fakultät für Chemie und Mineralogie in Leipzig überwinden können. (Text: Thilo Hahn)